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Andreas Burger - Neue Nebensachlichkeit

Vom 27. Oktober bis 11. November 2007
 
Künstler: Andreas Burger

"Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennt, was einem fehlt."
Friedrich Hebbel (1813-63)

“Sammeln, Sortieren, Konservieren, Dokumentieren, Lagern.” So nüchtern beschrieb Andreas Burger seine Tätigkeit. Distanzierte Freudlosigkeit mit dem Endziel des Lagerns verspricht diese Methode.Verstaubte Archive werden angelegt im Interesse einer vielleicht höheren historischen Wahrheit. Jedoch schon im Ausstellungstitel klingt ein anderer, irritierender Ton mit. Der stolze Bezug auf die SAchlichkeit verliert sich über einen immer im Hinterkopf mitschwingenden Umlaut im Nebensächlichen. Andreas Burger ist allerdings nicht nur Sammler, er ist auch ein trickreicher Fallensteller. Seine Beute findet er über die ganze Stadt verstreut vorzüglich in Gegenden, die vor kurzem erst vom Menschen aufgegeben wurden. Transportiert er dann mit der U-Bahn den Ertrag seiner abgelegenen Fallen sein Lager, so ist ihm das Glück des erfolgreichen Jägers deutlich ins Gesicht geschrieben.

Über Monate wanderten auf diese Weise dutzende Spiegel aus verwaisten Waschräumen in das Burgersche Archiv und illustrierten seinen Ost/West Systemvergleich. Der Betrachter läuft in die Falle des Ost/West-Klisches und beginnt zu ahnen, dass ihm Zerrbilder statt historischer Wahrheiten dargeboten werden. Derart verunsichert beginnt er, den Objekten, Fotografien und Filmen mit Misstrauen zu begegnen. Obwohl eine dokumentarische Arbeitsweise die faktische Richtigkeit der Geschichten, die Andreas Burger erzählt, vorgeblich bestätigen, ist der Wahrheitsgehalt zu bezweifeln.

Die Dokumentation einer Sammlung von Zeichnungen, offensichtlich dem abstrakten Expressionismus verwandt, entpuppt sich als das Resultat würdeloser, nächtlicher Harnausschüttungen besoffener Männer. Die Flucht in einen kunsthistorischen Begriff errettet den Betrachter nicht vor einem anwachsenden Eckelgefühl. Er muß Abstand nehmen vom Faktischen des Dargestellten und sich auf den Humor, der in seiner Fehldeutung liegt, einlassen. Auf diese Weise gelingt es Andreas Burger dem Betrachter zu verdeutlichen, dass er selbst Reflexion, also Ergebnis des Spiegels ist. In einer Welt, die über Fotografie und Film in den Massenmedien all zu sehr der Macht des Faktischen vertraut, schafft Andreas Burger eine Distanzebene auf der erst Nachdenken möglich wird. Die Fotografien, Filme, Bücher und Objekte dieser Ausstellung bestehen aus Nebensächlichkeiten, die mit der vermeintlichen wertfreien Sachlichkeit eines Archivars neu geordnet wurden.

Die Karte des geteilten Deutschlands aus der Schule, zur Zeit ihrer Entstehung ein kleines Detail, das den Funktionszusammenhang des großen Ganzen garantieren sollte, heute eine Nebensächlichkeit, offenbart im Burgerschen Archiv etwas, das ihr bis dahin fehlte: Poesie und Humor. Das Archiv des Andreas Burger ist keine verstaubte Sammlung, die künftigen Generationen bei geduldigem Studium ihre Wahrheit offenbaren wird, sie ist eine Montage von Nebensächlichkeiten, die die Gegenwart erhellt.